Von stillen Geburten und Sternenkindern

Kurz vor Weihnachten bestellt Berit einen großen Schwung Weihnachtskarten für Trauernde bei mir. Heute, zwei Wochen später ist klar: Das Projekt ist gerade um eine wertvolle Schlüssel-Unterstützerin reicher geworden.

Dezember: Nach ihrer Bestellung einen Tag vor Heilig Abend frage ich Berit, wie wichtig ihr es ist, dass die Karten noch pünktlich zu Weihnachten bei ihr in München ankämen. Ich könne einen Expressversand veranlassen, dann würde es noch klappen.
In ihrer Antwort erklärte sie mir, dass sie die Karten auf Vorrat kauft, gerade akut zum Glück keine benötigt. Sie sei Hebamme, betreue und begleite auch regelmäßig Familien, Paare und Frauen, deren Kinder in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt versterben.

Sie erzählt in ihrer Mail ganz offen, auch von einer Vereinsgründung für Sternenkinder in ihrer Heimatstadt, und beginnt Ideen zu spinnen von eigenen Karten, möglichen Gestaltungsritualen und der Erleichterung von Abschieden. Alleine aus dieser Nachricht nehme ich so viel mit, dass sie mich ganz warm hinterlässt. Ich erzähle von meinem anstehenden Projekt und schlage direkt vor, dass wir uns nach dem Jahreswechsel einmal persönlich austauschen. Was wir heute auch getan haben.

Noch ganz frisch, wenige Minuten nach unserem 75-minütigen Zoom-Call, schreibe ich meine Eindrücke nieder:

Okay, was genau hast du vor in deinem neuen Projekt?
Magst du schon etwas erzählen?

Die Neugierde treibt uns von beiden Seiten direkt ins Gespräch. Nach einem kleinen Einblick in meine Trauergestalt-Pläne bleiben wir erst einmal am fassbarsten Thema, den Trauerkarten, hängen.

Zu 98% sind die Karten im Handel einfach richtig schlimm. Und für die meisten Fälle gibt es eben gar keine Karten, da merkt man erst einmal, wie wenig Platz das Thema hat.

Nach einer Geburt verschicken Familien, Paare oder Mütter meist Karten – als Dankeschön für die Glückwünsche, Geschenke und Unterstützung – samt den Geburtsdaten und Fotos der Kinder. Etwas, das auch mir nicht fremd ist, obwohl ich bisher wenig Berührungspunkte mit Geburten hatte.
Aber wie sieht das bei einer stillen Geburt aus, also einer Geburt bei der das Kind nicht lebend oder lebensfähig zur Welt kommt?

Fälschlicherweise könnte man sagen, dass gar kein Kind geboren wurde. Aber das stimmt ja überhaupt nicht. Es ist trotzdem ein Kind geboren. Es hat eine Geburt stattgefunden.
Das Kind hat ein Gewicht, eine Größe, eine Geburtszeit. Vielleicht auch einen Namen. Menschen sind Eltern oder Geschwister geworden…

Besonders beeindruckt mich die Sensibilität, mit der Berit mir begreifbar macht, wie eine stille Geburt und die Situation drumherum aussieht.
Je nach Philosophie der Kliniken und Hebammen ist dies sehr unterschiedlich. Das Wichtigste sei aber, den Eltern Zeit zu lassen. Viele wüssten gar nicht, was sie dürfen oder machen könnten. Berit persönlich ermöglicht gerne ein nahes, gemeinsames Willkommen und Abschiednehmen vom Kind: Die Eltern oder die Mutter können es halten, waschen, wickeln. Bei ihm sein. Manchmal kommen FotografInnen, die ehrenamtlich Bilder der Sternenkinder machen.
Wenn Mütter auch noch stationären Aufenthalt im Krankenhaus haben, wird ihnen ermöglicht noch mehr Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Es wird gekühlt, wenn es nicht bei seiner Mutter ist.

Wieder einmal wird mir klar, wie sehr unser Sprachgebrauch und unsere Verschlossenheit/ Offenheit rund um eine Situation bestimmt, wie wir mit ihr umgehen – wie wir sie verarbeiten.
Natürlich ist das eine Geburt!

Auch die sind stolze Eltern geworden und möchten das vielleicht mitteilen!

Bezogen auf die Zeit nach der stillen Geburt heißt das: Auch hier sind Menschen Mütter, Eltern oder Familie geworden. Doch gibt es keine erhältlichen, vorgefertigen Möglichkeiten passende Karten zu bestellen. Denn die sind ausgelegt auf lebende Kinder, die Freude um das neue Menschenleben und die glückliche Familie.
Berit wünscht sich, dass es auch einfach bestellbare Karten für Sternenkinder gibt. Vielleicht mit einem Foto dabei, aber in jedem Fall der Chance, dass die Geburt verkündet werden kann.

Es gibt gewisse Kategorien.
Die finde ich persönlich aber ganz schwierig.

Ob das ein Menschenleben war? Eine Frage, um die immer wieder eine gesellschaftliche Diskussion entsteht. Im Fall einer stillen Geburt bleibe ich doch immer wieder nur an einer möglichen Antwort hängen: Da ist ein Kind, das geboren wurde. Es ist keinen Gewichtszahlen oder Schwangerschaftszahlen vorbehalten darüber zu urteilen, ob und wie viel dieses Leben für jemanden wert war.

Man wiegt sich in der Sicherheit mit allen Screenings, die man machen kann, und aller Vorsorge, die man treffen kann. Es wird immer irgendwelche unerwarteten Sachen geben bei einer Geburt. Man hat es einfach nicht in der Hand.

Berit schätzt, dass rund jede 3.-4. Frau eine stille Geburt oder einen Schwangerschaftsabbruch erlebt. Die Dunkelziffer ist jedoch hoch, da es Fälle gibt, in denen die Schwangerschaft gar nicht bekannt war.

Möglich-Machen. Eine Formulierung, die mir schon in meiner Präsentation sehr ans Herz gewachsen ist. Auch bei diesem Thema merke ich, dass Gestaltung eine Brücke sein kann, eine andere Herangehensweise, um ein Thema sichtbar und formbar zu machen.

Konkrete Ideen rund um stille Geburten in unseren beiden Branchen, auf die wir gemeinsam kommen sind also: Geburtskarten, Rückbildungskurse speziell für Mütter von Sternenkindern, Trauerkurse auch für die Väter, gemeinschaftliches Bemalen von Kindersärgen, Einbeziehen von anderen Familienmitgliedern wie z.B. Geschwisterkindern, gemeinschaftliche Online-Beratung zur Formung vom Abschied (Still Birth Care + Gestaltung, als Ideen-Liefernde oder auch Dienstleistende), Urnenbemalung, Übergangs-Grabsteine.
Was es auch bereits gibt ist z.B. Schmuck aus Muttermilch. Also eine Möglichkeit die entstehende Milch dennoch zu etwas Bleibendem zu formen. Das möchte ich mir gerne näher anschauen.

Wenn ich soweit bin, konkrete Angebote zu haben, empfiehlt mir Berit als lokale Ansprechstellen Kliniken mit Level 1 Behandlung: Das heißt Kliniken, die auch Geburten vor der 34. Schwangerschaftswoche durchführen und intensivmedizinisch ausgerüstet sind. In Bielefeld ist dies von den fünf großen Kliniken nur das evangelische Klinikum in Bethel.
Ich solle mich persönlich am besten direkt mit leitenden Hebammen, den ChefInnen der Kinderklinik oder der Pflegedienstleitung zusammensetzen. Mails oder Telefonate gingen oft unter, ein persönlicher Eindruck ist wichtig.
Auch Geburtshäuser und Hebammenpraxen solle ich kontaktieren.

Abseits von lokalen Kontakten gibt es auch eine Facebook Gruppe deutscher Hebammen, die Zeitschrift Hebammen Forum und den deutschen Hebammen-Kongress.

Unfassbar dankbar und euphorisch beende ich das Gespräch mit Hebamme Berit, die bereit ist mir mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Ich konnte sehr viel lernen über einen Bereich, mit dem ich noch nahezu keine Berührungspunkte hatte.
Es wird sicher nicht unser letztes Gespräch gewesen sein. Berit hat mich bereits offen dazu eingeladen in Zukunft im Sternenkinderverein meine Materialien auszulegen und eng mit mir zusammenzuarbeiten.

Ich freue mich drauf!


Randnotizen und Gedankensprünge: Trauer über nicht erfüllten Kinderwunsch, Wie wird Trauer eigentlich in den Medien und Filmen dargestellt?, Wer gehört alles zur Trauergesellschaft von Sternenkindern?, Berit sagt: Trauer-Nachbereitung von Sternenkindern sollte eine Kassenleistung sein + die Hebammen-Lobby mit ihren Arbeitsbedingungen und Tariflöhnen gerät leider so oft aus den Augen – vermutlich weil die Zeit, in der man Berührungspunkte mit der Branche hat vergleichsweise sehr kurz ist, schnell sind andere Themen wichtiger.

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