Leben, Tod und Heiterkeit

Am Mittwoch war ich mit Kristina verabredet. Sie lebt in Berlin und ist Trauerbegleiterin. Auch unser Kontakt kam zuerst über Instagram zustande, wo sie über meine Weihnachtskarten für Trauernde gestolpert war. Selbst brauchte sie (zum Glück) im Dezember keine, hat sie aber so sehr gewertschätzt, dass sie die Infos dazu in ihrem gesamten Netzwerk streute.

Nach einem kurzen Nachrichtenaustausch war klar: Wir wollen uns wahnsinnig gerne im neuen Jahr mal austauschen über Ideen, unsere Pläne und damit wir uns auch persönlich kennenlernen.
Gesagt, getan.

Diese ersten Gespräche über Zoom sind jedes Mal wieder ein kleines Blind-Date. Man weiß nicht recht, worauf man sich einlässt, ist neugierig und etwas nervös.
Die Aufregung war binnen zwei Minuten verschwunden, als mir klar wurde, dass wir einerseits das gleiche Ziel verfolgen und auch charakterlich ähnlich gestrickt sind. Kristina fackelte nicht lange und sagte: „Marie, ich hab so viele Fragen an dich, also lege ich direkt mal los…“ Mir ging es ebenso.
Also stellten wir uns abwechselnd Fragen und kannten nach einer Stunde unsere jeweiligen Schicksalsschläge, Lebenswege und (noch geheime) Projekt-Vorhaben.

Mit 15 habe ich meinen Vater verloren.
Mit 25 meinen Partner.

Ich hoffe die 35 passiert, ohne dass jemand sterben muss.

Sätze, die vielleicht hart zu lesen sind. Beim Sprechen ist Kristina ernst. Im Anschluss lacht sie.
Und sowieso lebt sie von vorne bis hinten ihren Unternehmensnamen: Leben. Tod. Und Heiterkeit.

Mehrwert oder Zertifikate-Jagd?

Einen neuen Blickwinkel bekomme ich, als ich sie nach ihrer Ausbildung zur Trauerbegleiterin frage. Sie hat zwar lange darüber nachgedacht, aber nie an einer teilgenommen.

In der Trauer wollen wir sein, wie wir sind. Da brauchen wir Wahrnehmung und Wertschätzung von außen.

Sie schätzt, dass der größte Anteil der Ausbildung Wissen um die Trauerprozesse, sowie methodisches Vorgehen vermittelt.

Empathie, um sich verbinden, die hat man. Oder man muss sie erst einmal in sich selbst wiederentdecken.

Sie erzählt, dass sie immer den klassischen, gesellschaftlich-anerkannten Weg gegangen sei: Schule, Abitur, Studium, in den Job. Aber nie sei das ihr Weg gewesen. Deswegen habe sie diesesmal auf ihr Bauchgefühl gehört, dass ihr gesagt hat: Das brauche ich nicht.

Die Fragen, die sie mir für meine persönliche Entscheidung zur Weiterbildung mit auf den Weg gibt, sind: Hat eine Ausbildung einen Mehrwert für mich? Lerne ich etwas, dass mir noch unbekannt ist oder Bekanntes auf eine neue Art und Weise? Oder jage ich einem Zertifikat hinterher, weil es gesellschaftlich anerkannter ist?

Schaffen

Ihre Energie will Kristina darein stecken, Ressourcen zu schaffen, die Menschen in der Trauer weiterbringen. So hat sie bisher z.B. ein Karten-Set mit Schreibimpulsen für den Trauerprozess herausgebracht und plant weitere Projekte (von denen ich zwar weiß, aber hier nicht erzählen werde).

Ich mache mich jetzt mal nackig und erzähle dir von meiner Idee.

Oh ja, bitte.

Großes Gelächter.

Auch, wenn Kommunikation um Trauer langsam, aber zaghaft, in die Öffentlichkeit durchdringt, passiert doch am meisten des Prozesses noch im Privaten, sagt sie. Viele ihrer KundInnen wünschen sich Dinge und Anregungen, die Zuhause helfen – einen nicht dazu bringen, sich zu sehr nach außen hin zeigen zu müssen.

Ihr Ziel in der Begleitung und auch durch die Produkte ist es, die Menschen aus dem Denken herauszuholen, zurück ins Fühlen und im eigenen Körper anzukommen. Ihre Erfahrung hat gezeigt, dass diese Hürde meist sehr groß ist: Gefühle zuzulassen. Anderes hinten anzustellen. Sich darauf einzulassen, gerade nicht funktionieren zu müssen.

Lieblingsbuch

Wir bleiben daran hängen, wie unser Umfeld, die Gesellschaft und auch wir selbst Trauer kommunizieren und bemerken, wir haben da ein ähnliches Vorbild: Den argentinischen Autor, Psychiater und Gestalttherapeut Jorge Bucay. Wege der Trauer ist unser beides Lieblingsbuch zum Thema und Jorge Bucay einer der wenigen Menschen, der es vermag fachliches Wissen und menschliche Nahbarkeit in sehr leicht zugänglicher Sprache und kurzweiligen Kapitel zu verpacken.

(Danke, Vera! Ich feiere es bis heute, dass du mir dieses Buch vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt hast.)

In Verbindung treten

Wir wissen beide, dass es essenziell ist, sich verletzlich zu zeigen, um tatsächlich miteinander in Verbindung zu gehen – in sich und zu anderen.

Kristina fasst in Worte, dass sie gerne mit mir zusammenarbeiten möchte. Wie genau, ist noch unklar. Aber auf jeden Fall für den Start als Gestalterin für ihre nächsten Produktideen. Das hatte ich bis zu diesem Moment gar nicht im Kopf gehabt.
Sie sagt, es sei ihr wichtig, dass jemand ein Gespür für das Thema mitbringt und mit Freude daran arbeiten möchte. Diese Freude, die hätte sie bei mir von Anfang an gespürt.

Okay, wie gehen wir jetzt weiter vor?

Kristina ist ein ähnlich strukturierter Mensch, wie ich und möchte nichts im Sand versickern lassen. Sie ist so offen und direkt. Damit kann ich gut arbeiten 🙂

Wir entscheiden uns dafür, das Gespräch erst einmal sacken zu lassen und uns in wenigen Tagen wieder zu verbinden, um die ersten gemeinsamen Projekte zu besprechen.

Wir verabschieden uns.

Nun sitze ich da wieder komplett alleine vor dem Computer, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, den Kopf schüttelnd:
Schon wieder um eine Kooperationspartnerin reicher, über die ich mich wahnsinnig freue!

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