Gründungstagebuch I

„Ja, wie war denn nun der Stipendien-Beginn?“
Holprig, in jeder Hinsicht.

Viele Menschen in meinem direkten Umfeld sahen die formalen Gegebenheiten: Dass ich eine Fachjury überzeugen konnte, die Bewilligung des Stipendiums, das erste Fördergeld.
Sie gingen wie selbstverständlich davon aus, dass es klappen würde. Sie glaubten an mich, was ein schönes Gefühl ist. Nur die wenigsten verstanden allerdings, dass der Weg dorthin harte Arbeit war und das Ergebnis zu keinem Zeitpunkt vorbestimmt. Das finde ich schade.
Ich bin keine Magierin und möchte auch nicht wie eine gesehen werden.

Genau deswegen will ich dieses Tagebuch dazu nutzen, auch wirklich hinter die Kulissen blicken zu lassen: Eben nicht nur auf die Formalitäten einzugehen. Sondern transparent, aufrichtig und persönlich von diesem Prozess zu erzählen, der so viel mehr ist, als nur eine Gründung.


„Zeig‘ doch mal was!“
„Ja, und was genau hast du jetzt entwickelt?“
„Was wird das nachher?“

Sätze und Fragen, denen ich oft begegne, wenn es um das Projekt geht. Es ist von Anfang an schwierig gewesen zu erklären, dass ich nicht gründe, weil ich die eine Produktidee habe und etwas Konkretes gestalten möchte. Ich erläutere dann, dass ich interdisziplinär arbeiten werden; dass meine Gestaltung der letzte Schritt in der Entwicklung ist und auf eine umfangreiche inhaltliche Arbeit aufbaut.

Das können sich viele nicht vorstellen. Oft wird nochmal nachgehakt. In letzter Instanz sage ich: „Ich stehe am Anfang. Das Unternehmen ist noch nicht einmal gegründet. Es gibt noch nichts vorzuzeigen.“ Die Akzeptanz (oder auch das Verständnis?) dafür, dass etwas Vorbereitungs- und Entwicklungszeit braucht, ist eher gering.

Dabei sind wir doch alle die meiste Zeit auf dem Weg.
Aber wer gibt das schon offen zu?


Die ersten Momente

Der Bewilligungsbescheid für das NRW.Gründungsstipendium kam vorab per Mail, eine Woche später mit der Post. Den kompletten Vormittag verbrachte ich damit das 19-seitige Dokument zu lesen und die nächsten Schritte einzuleiten.

Annehmen konnte ich es erst, nachdem ich jede noch so kleine Bedingung studiert hatte. Zu oft bin ich schon aus Förderungsrastern herausgefallen, weil ich Teil einer Grauzone war: Von irgendetwas zu viel war, von etwas anderem zu wenig.
Ich konnte es im wahrsten Sinne des Wortes nicht fassen.

Marie Pischel


Stipendiatin
(„what!?“)

In der Mittagspause rannte ich dann nach Hause. Um die frohe Kunde zu verteilen und das alles mithilfe meiner Worte hoffentlich etwas echter zu machen.
Den Tag über rief ich Freund:innen an, die mich während der Bewerbung in den letzten Monaten unterstützt hatten. Abends sank dann tiefe Trauer ein: Natürlicherweise würde ich nun alle spontan zu mir einladen, eng umschlungen mit meinen Liebsten sein, tanzen, singen, anstoßen… Doch die Situation erlaubt es nicht, dieses einmalige Erlebnis mit ihnen allen an einem Ort gebührend zu zelebrieren. Das hätte mir so viel bedeutet und ich weiß, dass dieser Moment verloren ist. Er lässt sich nicht nach-erleben.

Die Euphorie bleibt aus.
Ich bin untröstlich und gehe früh ins Bett.

_

Die folgenden zwei Tage schlafe ich fast vollständig durch. Zum ersten Mal wird mir bewusst, wie sehr mich die Pandemie dazu gezwungen hat, beweglich zu bleiben, Ideen zu entwickeln und Konzepte zu ändern. Und wie sehr mich das gefordert und ausgelaugt hat. Der (überwiegend geschäftliche) Überlebens-Modus des letzten Jahres ist urplötzlich ausgeschaltet.
Ich kann mich zum ersten Mal seit langer Zeit richtig ausruhen und genieße das längste Nickerchen meines Lebens.


Lernen, Lernen, Lernen

Schon seit dem 20. März lief parallel zur Stipendien-Bewerbung die Förderung über das CFE (Center For Entrepreneurship an der FH Bielefeld) an. Sie wäre auch Bestandteil des Stipendiums gewesen. In das Inkubator-Programm dort bin ich aber bereits über einen anderen Wettbewerb reingekommen (doppelt hält besser).

Im Gründungscamp bei Kaufmann Martin Kalis lernen wir für drei Monate jeden Dienstag-Nachmittag zu Gründungs- und Geschäftsthemen. Darauf habe ich mich besonders gefreut. Zwar bin ich seit Jahren schon neben dem Studium selbstständig gewesen, aber mehr in einem Einfach-drauf-los-und-mal-gucken-was-passiert-Modus. – Mittlerweile sehe ich ein, dass das eine „Hobby-Selbstständigkeit“ war (auch, wenn sie mir meinen Lebensunterhalt eingebracht hat).

Vorab sollten wir benennen, worauf wir uns am meisten im Prozess freuen und wovor wir Respekt oder gar Angst haben.

Freude auf:
– Das strukturierte und bewusste Aufbauen
– Wissen nochmal „von der Pieke auf“ lernen
– Herausforderungen aller Art
– Erfahrungsaustausch mit Gründer:innen
– Jederzeit Ansprechpartner:innen zu haben

Angst oder Respekt vor:
– Alle Arten von Behördensprech
– Den Überblick zu behalten (gerade was Formalitäten angeht): Was muss ich alles im Blick behalten, obwohl es im Moment für mich vielleicht noch nicht ausschlaggebend ist?

Thematisch ging es im Mai dann konkret um: Rechtsformen & Haftung, Marketing, Marktforschung & Marktpsychologie, Steuern, Standorte, Rechtliches und Finanzplanung – Ein ganz schöner Batzen und alles davon in einem kurz & knapp Frontalunterricht-Format, wie ich es seit Schultagen nicht mehr erlebt habe.
An die Themen und Lernart musste ich mich erst einmal gewöhnen…

Das Lernen hat zweierlei mit mir gemacht:
Dienstagsabends kam ich meist beflügelt nach Hause. Vielleicht erschöpft, aber stolz auf mich. Jedes Mal verstand ich mehr Dinge, die ich vorher nie begriffen hatte. Auch vieles, an das ich mich niemals in Eigenregie herangetraut hatte.
Mittwochsmorgens hat mir die Realität einen Schlag ins Gesicht verpasst: „Hier, Marie, hier ist all‘ der Scheiß auf den du einen Blick haben musst. Die wenigste deiner Zeit wirst du wirklich am Thema selbst arbeiten können. Als Unternehmerin kannst du eben nicht nur die besten Häppchen wählen. Das hier ist eine verbindliche Sache und die kommt mit einem Preis.“

Einen der Morgende wachte ich in purer Überforderung auf und konnte mich nur schwer beruhigen. In meinem Kopf breiteten sich freudig Stimmen aus meiner Vergangenheit aus, die mir versuchten einzureden, dass ich nicht dafür gemacht bin, Unternehmerin zu sein. (Bald mehr dazu.)

Da begriff ich:
Das ist jetzt gerade die Zeit, in der sich für mich entscheidet, ob ich das durchhalte und ob ich das wirklich alles auf mich nehmen will.


Individuelles Coaching

Ein weiterer Bestandteil der Förderung durch das CFE besteht darin, dass ich feste Gründungscoaches habe, die mich begleiten. Stefanie steht mir dabei jederzeit zur Verfügung, wenn ich ein akutes Thema habe.
Auch eine Sache, an die ich mich erstmal (im besten Sinne) gewöhnen muss. Sehr oberflächlich gesprochen würde ich mich als Einzelgängerin beschreiben. In meinem Umfeld gab es nahe zu keine Selbstständigen und ich hatte oft das Gefühl, dass ich mich mit niemandem richtig detailliert über meine Pläne austauschen konnte (Vielleicht habe ich auch niemanden in dieser beratenden und begleitenden Rolle zugelassen.)

Aus meiner ersten Mail an Stefanie:

„Jetzt würde ich mir gerne eine grundsätzliche Arbeits-Struktur für die nächsten Monate anlegen. Woran ich gedanklich hängen bleibe: Alles, was ich entwickeln möchte, soll auch eine wissenschaftliche Grundlage haben. Mir stellen sich die Fragen: Wie lange informiere ich mich und tausche ich mich aus? / Wann fange ich an konkret Dinge auszuprobieren? / Oder inwiefern sollte das jederzeit parallel zueinander ablaufen?“

Mein erstes Coaching-Thema war damit:
Strukturierung

Wir sprachen im ersten Termin über die anstehenden Aufgaben und diverse Arten des Sortierens, Darstellens und Aufschlüsselns von Groß- und Teilaufgaben.
Coaching heißt in dem Sinne, dass ich jemanden habe, der meine Gedanken zurückspiegeln kann, mit Blick auf meine Bedürfnisse informiert und auch kritische Nachfragen stellt.

Als Aufgaben nahm ich mit:
– Konkrete Aufgabenpakete aufzuschlüsseln
– Festlegen, wie viel Zeit mir für das Projekt zur Verfügung steht
– Eine Art der Organisation und Darstellung finden, die zu mir passt
– Einen groben Zeitplan für die nächsten drei Monate erstellen


Unter Gründerinnen

Mitte Mai startete die garage33 in Paderborn einen Stammtisch für Gründerinnen in Netzwerken der Region. Beim ersten Termin lernten wir uns gegenseitig extrem kurz, aber nicht minder persönlich kennen. Die Atmosphäre in dieser Runde bildete einen starken Kontrast zu den Vorlesungen, in denen ich hauptsächlich meine Zeit verbrachte. Es war sofort ein vertrauter und nahbarer Rahmen da. Die Freude über die Gruppe und das Potenzial spürbar in der Luft. Das wird was Wertvolles!

Wir hörten einen Vortrag von Inga Steuwe, die bereits an mehreren Gründungen (u.A. koawach) mitgewirkt hat. Ein ungeschönter, direkter und persönlicher Einblick in das Gründungsgeschehen und den Wert von Netzwerken mit anschließender Fragerunde.
Was ich konkret für Trauergestalt mitnehme: Für eine Kooperation, Zusammenarbeit und insbesondere gemeinsame Gründung bilden gemeinsame Werte und Ziele die gesunde Basis. Alles andere ist veränderbar oder lernbar.

Anschließend tauschten wir uns über Wünsche & Erwartungen zum Stammtisch aus, um ein gemeinsames Fundament zu legen.


Und wo bleibt jetzt die Trauer?

Es war ein Monat voller Lerninhalte und Methodik, der erst einmal keinen Platz für weitere thematische Auseinandersetzungen mit Trauer gelassen hat. Schade, aber notwendig.
Zwei Sachen habe ich dennoch umgesetzt, die recht spontan in meinen Kopf kamen und aus denen ich viel mitnehme:

Die Erarbeitung eines Instagram-Posts zum Muttertag
Ehrlich gesagt sehr unreflektiert und persönlich drauf los schrieb ich einige Gedanken zum Muttertag zusammen, um denen mehr Sichtbarkeit zu ermöglichen, die an diesem Tag im Gesellschaftskontext untergehen.
Die Resonanz zu diesem Beitrag hat mich mehr als überrascht und berührt. Was sie mir aufgezeigt hat, war die riesige Vielfalt an Menschen, die sich davon angesprochen gefühlt haben und damit auch die Bedeutung des Themas für die breite Gesellschaft.
Das hat mir einen riesigen Schub für das Projekt gegeben. Ich weiß, wozu ich hier kämpfe: Für jeden dieser Menschen.

Und ich bin dankbar für die Unterstützung, die das Projekt dadurch jetzt bereits erfahren hat. Denn jedes Teilen eines Beitrags spült irgendwo neue Menschen auf einen Account, die eventuell neugierig sind und deswegen verweilen.

Die Betreuung zweier Veranstaltungen des „Hallo Tod!“-Festivals
Das Team war recht kurzfristig noch auf der Suche nach Hilfe vor Ort in Zürich. Ich bot meine Expertise aus der Ferne für Zoom-Veranstaltungen an und bekam prompt zwei super spannende Termine zugeteilt, die ich technisch betreuen sollte.
Einerseits schön bei so etwas Wichtigem helfen zu können, andererseits thematisch und auch methodisch eine riesige Bereicherung für meinen Lernschatz. So konnte ich teilhaben an einer intuitiven Collage Reise zum eigenen Tod von Fotografin und Kunstvermittlerin Natalie Madani und einer Selbstreflektions Runde zum Tod mit Trauerbegleiterin Sarah Lindenmann.


Viel passiert.
Und beim nächsten Mal?

…wird es um das laufende Persönlichkeits-Coaching gehen, das jetzt schon viel zutage befördert.
…darum, viel öfter „Nein“ zu sagen.
…und wie ich langsam aber sicher Lust an umfangreicher Struktur bekomme (samt dem unschönen Weg dahin).

Lasst es Euch gut gehen!
Marie

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Marie,
    Vielen Dank für deinen Einblick. Ich finde das ganz toll dass du uns dran teilhaben lässt. Ich wünsche dir ganz ganz viel Kraft und Erfolg. Es ist ein
    so wichtiges Thema und ich bin gespannt wo es dich hinführt.

  2. Schön, dass du deinen Weg teilst!
    Wir sind in Deutschland noch ganz am Anfang, einen neuen, manchmal auch alten Umgang mit Sterben, Tod und Trauer zu finden.
    Das behindernde Alte wollen wir nicht mehr, nach dem Neuen (manchmal auch Alten) suchen wir noch.
    Alle Kraft auf deinem Weg und liebe Grüße aus Berlin!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.