Gründungstagebuch II

Fragen über Fragen

Klar war: Für einen thematischen Anfang brauchte ich eine Grundlage. Natürlich bringe ich die für mich persönlich mit. Jedoch bilde ich nicht die Hauptzielgruppe für meine Geschäftsidee ab. Es ist gar essenziell, dass ich mich von meiner eigenen Sichtweise entferne und auf andere zubewege.

Mein Anspruch im Juni war es also, einen Überblick zu bekommen. Darüber, wo Menschen eigentlich stehen im persönlichen Umgang mit eigener und fremder Trauer. Eine Umfrage schien mir der geeignete Weg, um einen ersten Schritt zu setzen. Um zu schauen, ob es bei diesem individuellen Thema nicht doch Schnittstellen oder richtungsweisende Angaben gibt, in denen sich Menschen einig sind.

Umfragenerstellung oder gar wissenschaftliches Arbeiten habe ich im Grafik- und Kommunikationsdesignstudium nahezu gar nicht gelernt – doch das Interesse daran war immer da. So schnappte ich mir das erste Mal Unterstützung aus meinem akademischen Umfeld für das Projekt und ging auch mit Coachin Steffi tief ins Thema und meine Umfragestrategie.

Ich will so vieles fragen!“ war mein erster Impuls. Dann sortierten wir gemeinschaftlich aus. Die Frage ist nämlich viel eher „Was will ich herausfinden? Welche Informationen benötige ich, um darauf aufbauend weiterzuarbeiten?“. Der Fokus fiel schnell auf Hürden & Ressourcen im Umgang mit eigener und fremder Trauer.

Oder anders gesagt:
An welchen Stellen kommen Menschen mit dem Thema Trauer nicht weiter? Was macht den Umgang schwierig?
-> Welche Hürden muss Trauergestalt überwinden?
Was hilft und unterstützt Menschen im Umgang mit eigener und fremder Trauer?
-> Welche Methoden und Ressourcen kann Trauergestalt nutzen, um einen Zugang zum Thema zu legen?

Zwei-drei sehr intensive Wochen arbeitete ich an dem Umfrageaufbau, den Formulierungen und arbeitete mich in ein Umfragetool ein. Eine gute Stelle um zu sagen, dass dies ohne die vielfältige Unterstützung nicht (oder nur in einem gänzlich anderen Tempo) möglich gewesen wäre. Ich kann mich glücklich schätzen, so hilfsbereite und versierte Menschen in meinem Umfeld zu haben. Manche brachten Fachwissen aus therapeutischer Ausbildung mit, andere Expertise in Leichter Sprache, Datenerhebung oder Logik. Ihr wisst, wer ihr seid. Danke!
(Ich lerne: Hilfe kann mich weiterbringen.)

Wie alles zusammenhängt

Im letzten Eintrag versprach ich euch einen tiefen Einblick in das parallel laufende Persönlichkeits-Coaching nach biografischem Ansatz, dass ich ebenfalls bei Steffi mache. Dies ist in meinem Stipendium enthalten, findet jedoch auf absolut freiwilliger Basis und in individuell abgestimmtem Umfang statt.
Um es direkt vorweg zu nehmen: Ich würde das jedem gründenden Menschen empfehlen.

Meine erste Aufgabe war ein Brocken. Nicht zwangsweise in der Bearbeitung an sich, aber mit allem inbegriffen, was sie an die Oberfläche gebracht hat.
Anhand eines Zeitstrahls sollte ich folgende Fragen für mich so knapp wie möglich und so ausführlich wie nötig beantworten:

Vergangenheit:
Wo komme ich her?
Was habe ich gemacht, erfahren, erlebt?
Was/ wer hat mich wie geprägt?

Gegenwart:
Wo stehe ich gerade?
Wer bin ich/ wie sehe ich mich?
Wer/ was hat Bedeutung?
Mit was beschäftige ich mich?

Zukunft:
Wo möchte ich hin?
Wer und wie möchte ich sein?
Was möchte ich und
was möchte ich nicht?

Gerne möchte ich hier möglichst viel Preis geben, um mein Versprechen einzuhalten, offen und authentisch am vollen Prozess teilhaben zu lassen. Ich sehe jedoch auch, dass ich an dieser Stelle mich und Menschen in meinem Umfeld schützen muss. So entscheide ich mich dagegen alle Details meiner Ausarbeitung zu zeigen.
Hier ein Einblick in meine Ausarbeitung des Teils „Vergangenheit“, den ich mit einer Mischung aus Stichpunkten und Symbolen bearbeitet habe.

Dies war der vermeintlich schwierigste Teil der Aufgabe….
Natürlich weiß ich, was ich bereits erlebt habe. Mir war von Beginn an klar, welche Punkte mir hier wichtig sind festzuhalten. Alles nichts Neues. Aber: So plakativ auf den Punkt gebracht und gesammelt habe ich die prägenden Ereignisse meiner Vergangenheit noch nie gesehen. Und ja, irgendwo tut’s mir leid für mich, diesen Haufen an Prägungen dort stehen zu haben. Auf den ersten Gesamtblick frage ich mich ernsthaft, wie ich das alles überstanden habe, und eine klare Antwort darauf fehlt mir.

Auf die Bearbeitung folgte das Coaching. Zugegebenermaßen war es sehr befremdlich die eigene Lebensgeschichte einem anderen komplett unbeteiligten Menschen in knapp zwei Stunden zu unterbreiten. Darauf muss man sich voll und ganz einlassen. Der Erfolg dieses Coachings ist maßgeblich davon abhängig, wie viel ich auch an Inhalt und Offenheit hineingebe.
Oft habe ich an Einzelstellen gezögert, nochmal überlegt, ob und wie viel ich an Zusatzinformationen gebe. Nach den ersten Anschlussfragen von Steffi im Laufe des Gesprächs wurde mir jedoch immer klarer, welche Informationen ausschlaggebend sind und das mir meist ein direkter emotionaler Bezug zu den Erinnerungen fehlte.

Lange verweilen wir im Austausch bei einem Kinderfoto von mir, das ich mit eingebunden habe, weil ich es aussagekräftig fand. So ausgiebig habe ich es mir bis dahin noch nie angesehen. Vielleicht auch, weil ich das nicht habe aushalten wollen.
Abends weine ich sehr intensiv beim Gedanken daran und würde nichts lieber tun, als das Mädchen auf diesem Foto zu trösten.

Und jetzt?

Die Bearbeitung des Teils „Gegenwart“ ist ernüchternd. Es fällt mir sehr leicht, meinen aktuellen Stand und Themen, die mich umtreiben, festzuhalten. Bei zahlreichen Punkten fällt mir bereits beim Tippen eine Verknüpfungen und Parallelen zur Vergangenheit auf. Ich fühle mich von mir selbst ertappt.

Die Antwort auf meine Frage habe ich mit einem Blick in den Vergangenheits-Teil übrigens sehr schnell gefunden.

Maßgeblich wichtig für den Gründungsprozess ist gerade vor allem der innerliche Kampf irgendwo zwischen Selbstbestimmung und Teamarbeit.
Ich weiß, dass ich dieses Projekt auf Dauer nicht alleine stemmen sollte. Das kann ich auch gar nicht! Auf dem Weg hin zu Co-Gründer:innen oder Mitarbeitenden steht mir jedoch noch eine große Mauer im Weg, an der ich dringend arbeiten muss. Da geht es um Vertrauen. Da geht es um das Öffnen eines geschützten Raumes, den ich für mich in der Vergangenheit herstellen musste. Da geht es darum, die Abgabe von Aufgaben und Verantwortlichkeiten als Erleichterung und Bereicherung wahrzunehmen, anstatt als Arbeit und Verlust.
Ja, das ist eine große Baustelle.

Way to go

Mit Abstand am Schwierigsten fiel mir die Bearbeitung des Punktes „Zukunft“. Bei den dort gestellten Fragen kam mir nur ein einziger Gedanken in den Kopf, den ich kurzerhand auf meinem Board festhielt:

Danach pausierte ich die Bearbeitung für viele Tage, bis ich einen gedanklichen Anfang gefunden hatte. Die Voraussetzung dafür war folgende gewesen: Ich musste mir selbst erst einmal die Erlaubnis dafür geben, Pläne zu schmieden.
[Aufgewachsen bin ich mit einem sehr starren Konzept von Zukunftsplänen: Was man sich vor nimmt, ist in Stein gemeißelt. Ein Nicht-Erreichen oder Abändern der Pläne wird im Mindesten mit Verachtung gestraft. Selbst dann, wenn es eine Entscheidung für das eigene Wohlbefinden gefällt wird. – Dieses Konzept in meinem Kopf musste ich erst erkennen, kritisch hinterfragen und für mich selbst neu aushandeln, bis ich die Aufgabe bearbeiten konnte.]

„Du bist so unordentlich, Kind.“ oder auch: Wie ich lerne mich zu strukturieren.

Oder um es in anderen Worten zu sagen: Die standartisierten Methoden sich zu strukturieren passen einfach nicht auf dein Wesen und deine Denkweise. Hier seufze ich kurz (Hätte ich das bloß früher verstanden…).

Auch in diesem Bereich ging es im Juni für mich darum das Thema von hinten auszudröseln: „Was ist mein Ziel? Wozu brauche ich Struktur? Und welche Mittel funktionieren für mich eigentlich?“. Mein Gedächtnis ist (wie jedes?) recht speziell. Daten, Namen und Termine kann ich mir nur sehr schwer merken. Leichter ist es, Dinge analog fest zu halten. So kann ich mir Dinge besser einprägen, deswegen arbeite ich auch im Jahr 2021 noch mit einem rein analogen Kalender, in dem ich kritzle, notiere und radiere. Ich muss Dinge anfassen können. Und auch wenn ich Gestalterin bin, arbeitet rein gar nichts in meinem Kopf mit visueller Vorstellungskraft. Trotzdem mögen meine Augen gute Gestaltung und Übersicht.

Die meisten meiner Projekte waren bisher so überschaubar, dass ich sie im Kalender durchplanen konnte. Nun geht es aber an ein Mammut-Projekt, das auch einen langfristigen Ausblick benötigt, damit kurzfristige Ziele dorthin führen können. In Beratung und Absprache mit Steffi las ich mich in verschiedene Methoden ein + setzte mir zum Ziel, innerhalb von zwei Wochen ein erstes (für mich funktionierendes) System entwickelt zu haben.

Für manche Menschen mag das einfach klingen. Für mich war das ein Kampf. Vorrangig wegen meiner bisherigen Erfahrungen damit. So sehr hatte ich internalisiert „Das kann ich doch gar nicht.“. Ohne viel selbst ausprobiert zu haben, fragte ich schon wieder Freund:innen um Rat, die im Projektmanagement tätig sind. Wirklich weiter half es nicht. Was jedoch bei mir stecken blieb, war eine Unterteilung in: Reine Übersicht und kleinteilige Aufgaben. Und immer wieder der Hinweis vom großen Ganzen ins Kleine zu arbeiten. – Warum ich bisher davon ausgegangen war, dass ich alles immer detailliert notiert haben muss, verstehe ich aus heutiger Sicht gar nicht mehr. Vermutlich war die Angst, etwas aus den Augen zu verlieren, einfach zu groß. Und bei der ganzen Angst verlor ich den Blick auf das große Ganze.

Wobei ich nun gelandet bin ist eine Mischung aus GANTT-Diagramm (das große Ganze, ein grober Zeitplan mit Aufgabenabhängigkeiten) und KanBan-Boards (Feines Aufteilen in Einzelaufgaben und dem aktuellen Status) + Möglichkeit zum Notizen machen.
Generell kann ich es nicht leiden, wenn etwas keine visuellen Anpassungsmöglichkeiten hat, ich an mehrere Programme auf einmal gebunden bin oder unflexibel werde. Also griff ich für einen Prototypen meines Projekt-Plans auf ein Tool zurück, das ich in letzter Zeit sowieso sehr lieben gelernt habe: Miro. Im Prinzip nichts anderes als eine riesige, digitale Wand, an die man Dinge pinnen kann – jedoch mit vielen vorkonfigurierten Methoden, Tools und Darstellungen, die man sehr leicht anpassen kann.

Warum das für mich gut funktioniert? Ich kann direkte Verknüpfungen zwischen einer Aufgabe im GANTT zu dem detaillierten KanBan-Board herstellen und generell alles sehr leicht verschieben, erweitern und anfassen (!), als wären es lose Zettel auf meinem Tisch.

Wie so vieles ist also auch Struktur ein Prozess und dauerhaftes Reflektieren mit sich selbst und seinen Bedürfnissen.

Beim nächsten Mal erzähle ich davon, wie die Planung von mittel- und langfristigen Zielen bisher läuft und wie ich die Umfrage erarbeitet habe.

Bis dahin,
Marie

Ein Kommentar

  1. Schön dass du uns auf deine Reise mit nimmst und uns Einblicke gewährst. Man erkennt sofort, dass es eine Menge Aufarbeitung bedeutet. Und nimm ruhig Hilfe an, du musst nix alleine stemmen. 🤗😘

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